3 Dinge, die ich von Fintech-Unternehmen in Singapur gelernt habe

Severin Kranz von der mm1 Schweiz gibt einzigartige Einblicke in verschiedene Fintech Bereiche, die er während eines Aufenthalts in Singapur erlangt hat. Spannende Gespräche mit Experten aus der Branche zeigen, was Europa und die Schweiz noch lernen können.

In meinem zweiwöchigen Aufenthalt in Singapur hatte ich die Möglichkeit, Einblicke in unterschiedliche Fintech-Bereiche in Südostasien zu erlangen. Im Gespräch mit lokalen Fintech-Unternehmen aus den Bereichen Robo-Advisor, Distributed Ledger Technologies, Venture Capital, Artificial Intelligence, Cloud-Computing, sowie Digital Payments konnte ich vor allem drei Dinge lernen:

 

  1. Fintech-Geschäftsmodelle sind selten sehr komplex.
  2. Bei Anwendungen von künstlicher Intelligenz hat Europa künftig das Nachsehen.
  3. Die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes steht und fällt mit der Innovationsfähigkeit des Regulators.

 

Erfolgreiche Fintech-Geschäftsmodelle sind selten komplex – Skalierbare Fintech-Startups spezialisieren sich oft auf einen einfachen Fall mit grossem Potenzial.

Nicht allen Investoren und Stakeholdern von Fintech-Unternehmen scheint bewusst zu sein, dass einfache Geschäftsmodelle und Produkte oft erfolgreicher sind als komplexe. Entscheidend ist aber in beiden Fällen die Nutzererfahrung. Im Gespräch mit Michele Ferrario von StashAway, dem erfolgreichsten Robo-Advisor von Singapur, fand ich das folgende Zitat (des Ökonomen Paul Samuelson) sehr treffend:

«Investitionen sollten so sein, wie das Trocknen von Farben oder das Wachsen von Gras.»

Michele Ferrario

Es zeigt nämlich, dass Produkte und Angebote nicht immer hoch entwickelt sein müssen, um erfolgreich zu sein. Im Grunde genommen funktionieren die meisten Robo-Advisors relativ einfach. Als automatisierte digitale Vermögensplattform nimmt ein Robo-Advisor entweder die Rolle eines Vermögensberaters ein oder investiert nach vorher festgelegten persönlichen Anlagepräferenzen. So investiert StashAway beispielsweise hauptsächlich in passive ETFs und Bonds. Durch effiziente Asset Allokation wählt ein Algorithmus zusätzlich den Anteil von Fonds und Anleihen basierend auf Marktindikatoren. Kombiniert mit einer sehr einfachen Benutzeroberfläche und geringen Einstiegsbarrieren macht StashAway passive Vermögensverwaltung zugänglich für eine grosse Anzahl von Investoren. Das Rad wurde dabei aber kaum neu erfunden.

Ein weiteres Beispiel für ein stark vereinfachtes Geschäftsmodell, welches für seine Nutzer viel Wert schafft, ist Flywire. Bei meinem Unternehmensbesuch in Singapur stellte sich Flywire als Zahlungslösung für internationale Studenten vor, die hohen Bankgebühren bei der internationalen Zahlung von Studiengebühren vermindert. Als B2B2C-Lösung bietet Flywire seine Zahlungslösung kostenlos an Universitäten auf der ganzen Welt an. Dies erleichtert Kundengewinnung ungemein und begründet das starke Wachstum des Zahlungsdienstleisters in den letzten Jahren. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die eigentlichen Kunden die Studenten der Universitäten sind. Durch einen marginalen Wechselkursaufschlag, generiert Flywire als high-volume low-margin Start-up hohe Einnahmen, durch ein Modell welches für die Universitäten Zeit und Geld spart und gleichzeitig auch den Studenten einen Mehrwert bietet. (M. Watanabe, pers. Kommunikation, 9. November 2018)

Bei Anwendungen von künstlicher Intelligenz hat Europa künftig das Nachsehen

Wie mir von Lee Chor Pharn, AI Experte der Regierung in Singapur (pers. Kommunikation, 5. November 2018) erläutert wurde, haben US-Ingenieure grosse Fortschritte bei KI-Algorithmen gemacht. In Bezug auf KI-Anwendungen behauptet er jedoch, dass China aufgrund der grossen Verfügbarkeit von Kundendaten und der geringen Einschränkungen hinsichtlich des Datenschutzes einen grossen Wettbewerbsvorteil hat, welcher für die USA oder Europa nur schwer kompensierbar ist.

Ein Musterbeispiel für KI-Applikationen und die Nutzung von Big Data in China ist Alibaba. Während meinem Aufenthalt hatte ich die Chance, mit Melvin Ooi Country Manager Singapur bei Alipay zu sprechen. Im Diskurs über Ant Financial (die Fintech-Sparte von Alibaba) wurde aufgezeigt, dass das Unternehmen Datenpunkte zu jedem einzelnen Abschnitt des Tagesablaufs sammelt. Dadurch schliesst Ant Financial die digitale Datenlücke, mit welcher US-Amerikanische Tech-Giganten bis heute kämpfen. Während Google beispielsweise anhand der gesammelten Daten nicht wissen kann, ob auch Produkte aus Werbung gekauft wurden, kann Ant Financial den Kauf durch Alipay nachvollziehen. Als Vermögensverwalter, Versicherer, Kleinkreditgeber, Zahlungsdienstleister und Werbeplattform hat Ant Financial vielfältige Möglichkeiten. Über die mobile App kann so beispielsweise ausgewertet werden, wie gesund Menschen leben, was wiederum die Versicherungsprämie beeinflussen kann. Durch die Verfügbarkeit der Daten können künstliche Intelligenzen einfach trainiert werden und die Modelle werden stets präziser. (M. Ooi, pers. Kommunikation, 9. November 2018)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass chinesische Grosskonzerne wie Alibaba oder Tencent über eine grosse Menge an personenbezogenen Daten verfügen und diese Daten zur Schulung von KI-Modellen verwenden können. Dies führt zu einem erheblichen Vorteil für alle Arten von künstlicher Intelligenz und Machine Learning. Das Zitat von Vadim Sphak (pers. Kommunikation, 8. November 2018), Partner bei Vickers Ventures bringt die Zukunft von Europäischen Start-ups in überspitzter Form auf den Punkt:

«We don’t invest in European companies.»

Vadim Sphak

Die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes steht und fällt mit der Innovationsfähigkeit des Regulators

Während Vertreter der UOB, einer führenden Bank in Asien darauf aufmerksam machte, dass Regulierungsbehörden mit dem Tempo der Fintech-Innovation Schritt halten müssen, betonte Calvin Cheng Gründer von ABCC Exchange (pers. Kommunikation, 7. November 2018), wie wichtig regulatorische Sicherheit ist - insbesondere für Krypto-Finanzunternehmen. Auf der einen Seite suchen vertrauenswürdige Kryptowährungsbörsen nach klaren Regeln, um geeignete KYC- (know your customer) und AML- (anti money laundering) Prozesse zu etablieren. Andererseits müssen Start-ups, die über ein Initial Coin Offering (ICO) Mittel beschaffen wissen, ob ihre Token als Security- oder Utility-Token klassifiziert werden.

Die Finanzmarktaufsicht von Singapur (MAS) geht als sehr fortschrittliche Regulierungsbehörde mit gutem Beispiel voran. Die MAS hat eine Sandbox eingerichtet, was Start-ups ermöglicht, mit neuen Geschäftsmodellen unter bestimmten Auflagen zu experimentieren. Dies eröffnet Unternehmern einen gewissen Freiraum und signalisiert Offenheit gegenüber Innovation. Neue Geschäftsmodelle können bereits etabliert werden, bevor passende Regulierungen platziert sind. Gleichermassen kann der Gesetzgeber auf diese Weise Erfahrungen im Umgang mit neuen Technologien sammeln.

Neben dem regulatorischen Umfeld sind weitere Faktoren wie eine geeignete Infrastruktur für fortschrittliche Fintech-Ökosysteme wichtig. Wie wir bei Amazon Web Services (AWS) gesehen haben, erlebt Amazon einen grossen Erfolg bei der Bereitstellung des Rückgrats von Fintech-Start-ups. AWS erleichtert deren täglichen Betrieb durch virtuelle Maschinen, Cloud-Speicher und KI-Module (L. So, pers. Kommunikation, 9. November 2018). Besonders im Blockchain-Bereich betont Calvin Cheng (pers. Kommunikation, 7. November 2018), dass die Bereitstellung von Dienstleistungen für das Ökosystem auch gewinnbringend sein kann.

Mein persönliches Fazit für den Schweizer Finanzplatz basierend auf dem Beispiel von Singapur ist, dass es enorm wichtig ist, dass sich der Regulator in einem engen Austausch mit Finanz-Technologie-Unternehmen befinden muss, um einerseits den Freiraum für disruptive Innovationen zu schaffen und auf dem neuesten Stand zu bleiben. Andererseits fördert der Austausch sowie zeitgemässe und regelmässig angepasste Regulierung die Standortattraktivität des Schweizer Finanzplatz und ist demnach für dessen Zukunft extrem relevant.

 

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