Testkunden für die Nutzerbefragung finden – effektiv und kostengünstig

Im dritten Teil unserer Serie zur nutzerorientierten Produktentwicklung geht es darum, die richtigen Testkunden für die Nutzerbefragung zu finden. Warum ist das Einbeziehen von Testkunden sinnvoll? Nach welchen Personen sollte man suchen, wo findet man diese und wie motiviert man sie zur Teilnahme?

Die meisten Entscheidungsträger sind sich bewusst, dass Kundenbefragungen und -tests für den Erfolg eines Produktes dringend notwendig sind. In der Realität haben wir aber festgestellt, dass diese sehr selten stattfinden. Warum ist das so? In den meisten Fällen sind es Gründe wie der Mangel an Zeit, Know-how oder die Angst vor Kosten, die das Team veranlassen Nutzerbefragungen zu depriorisieren. Wir verschaffen Überblick und zeigen, wie Kundenbefragungen einfach und effektiv umgesetzt werden.

Wer seine Produkte mit kundenzentrierten Innovationsmethoden wie bspw. Design Thinking entwickelt, braucht Testkunden, die von Anfang an in den Entwicklungsprozess miteinbezogen werden. Nur wer die richtigen Nutzer befragt, erreicht den maximalen Mehrwert, der die nutzerorientierte Produktentwicklung bietet.

Durch ein systematisches Einbeziehen der Nutzer in den Entwicklungsprozess wird zudem die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Nutzer anschliessend zu kaufenden Kunden konvertiert werden und sie aufgrund ihrer großartigen Nutzererfahrung noch andere Personen von dem Produkt/ Service überzeugen.

Doch wo und wie findet man die Testkunden, um den Co-Creation Prozess erfolgreich zu gestalten? Wir erklären welche Testkunden in den verschiedenen Stadien des Entwicklungsprozesses einzubeziehen sind und zeigen auf, wo diese gefunden werden können.
 

Geeignete Testpersonen für eine qualitative Nutzerbefragung finden

Um relevante und qualitativ hochwertige Informationen zu erhalten, muss sichergestellt werden, dass die Testpersonen richtig ausgewählt werden.

Folgende Fragen helfen bei der Findung:

  • Hypothese: Welche Hypothese soll mit dem Test überprüft werden?
  • Zielgruppe abgrenzen:Welche Zielgruppe steht im Fokus? Nur wer klar abgrenzt, bekommt auch klare Ergebnisse. Nicht unbedingt die demografischen Daten sollten im Vordergrund stehen, sondern die Zielgruppe in speziellen Situationen: Welches konkrete Verhalten soll überprüft werden? Welche Eigenschaften, Herausforderungen oder Bedürfnisse haben die Personen in der Zielgruppe gemeinsam?Oft empfiehlt es sich zur Zielgruppenabgrenzung schon Persona Templates zu entwickeln, um die gesuchten Testpersonen klarer zu charakterisieren.

Dabei sollte nicht nur an den Endnutzer gedacht werden, sondern auch an andere Stakeholder wie externe Beeinflusser oder Lieferanten.
 

Stadien des Entwicklungsprozesses beeinflussen die Auswahl der Zielgruppe 

Die notwendigen Testkunden unterscheiden sich je nach Stadium des Entwicklungsprozesses. Es lohnt sich, diese verschiedenen Stadien bei der Auswahl der Zielgruppe zu kennen.

  • 1. Stadium «Needfinding»: In diesem Stadium besteht nur eine erste Produktidee und Hypothesen zu Problemen und Bedürfnissen. Daher sollten Nutzerbefragungen mit unterschiedlichen Stakeholdern und Personenprofilen durchgeführt werden, um diese Hypothesen zu validieren.
  • 2. Stadium «Pre-Go-live»: Das Nutzer- und Kundenprofil, sowie das Produkt ist hier als Prototyp schon relativ klar definiert. Nutzer und Kunden, die im Prozess des Needfindings relevante Informationen geliefert haben, gelten hier als die Zielgruppe. Diese können weiterhin aus verschiedenen Stakeholdergruppen stammen, jedoch liegt der Fokus auf dem Hauptnutzer / -kunden.
  • 3. Stadium «Post-Go-Live»: Nachdem das Produkt gelauncht wurde, können Nutzungsdaten als Grundlage für die Weiterentwicklung des Produktes genutzt werden. Auf dieses Thema gehen wir zu einem späteren Zeitpunkt in unserer Serie nochmals ein.

Wie viele Testkunden werden für ein relevantes Ergebnis benötigt?

Bei qualitativen Usability-Tests reichen zwischen 4 und 5 Nutzer pro Testgruppe aus, um aussagekräftige Rückmeldungen zu erhalten. Mit 4 bis 5 Nutzern können bis zu 80% der Usability-Probleme eines Produktes identifiziert werden.

Bei quantitativen Tests, z.B. Erhöhung der Konversionsrate eines Formulars, sind mindestens 10 bis 12 Benutzer erforderlich, um statistische Signifikanz zu erreichen, vorausgesetzt, sie wurden korrekt ausgewählt.

Als Grundregel gilt: Qualität vor Quantität.

Der Aufwand einer qualitativen Nutzerbefragung für das Needfinding sollte nicht unterschätzt werden. Besonders beim Finden neuer, relevanter Bedürfnisse als Grundlage für echte Innovationen sind die Interviews sehr aufwändig.

Auch quantitative Statistiken können, vor allem ab der Pre-Go-Live Phase, verwendet werden. Beispielsweise kann das Interesse an einem Website Prototypen durch Klickanalysen festgestellt werden oder es können Interessentenlisten für Beta Tests eines noch nicht gelaunchten Produktes/ Services erstellt werden.

Testkunden motivieren

Egal wer die Zielgruppe ist: Testkunden bringen nur dann den vollen Mehrwert, wenn sie aktiv und motiviert am Testing teilnehmen. Wertvolle Zielgruppen setzen sich oft aus vielbeschäftigen Menschen zusammen. Es sollte ein solider Anreiz geschaffen und ein Verlangen nach einer Teilnahme geweckt werden, um bestmögliche Ergebnisse zu erhalten.

Zur Motivation hilft es einen Community-Gedanken zu erschaffen und gleichgesinnte Testkunden, z.B. zu gemeinsamen sozialen Events einzuladen, um sich gegenseitig kennenzulernen. Zudem sollte man Testkunden das Gefühl vermitteln, exklusiv ausgewählt worden zu sein. Zuletzt hilft auch den Testkunden Vergünstigungen anzubieten oder das Produkt/ den Service komplett kostenfrei zur Verfügung zu stellen.

Wo geeignete Testkunden gefunden werden: Die Vor- und Nachteile der verschiedenen Quellen im Vergleich


Persönliches Netzwerk 

Freunde, Familie oder beispielsweise auch Universitätsnetzwerke können einfach per E-Mail, Social Media oder Online-Community zum Testing eingeladen werden.

+ einfach und schnell umsetzbar
+ sind meist sehr motiviert
+ kostenlos

- weniger geeignet, wenn eine sehr spezifische Gruppe gesucht wird
- Voreingenommenheit und weniger offene Meinungsverkündung
 

E-Mail Listen und CRM

E-Mail Listen und Kundendaten, die intern bereits vorhanden sind, können sich gut eignen, um neue Produkte zu testen.

+ bestehende Kunden sind offen für Testings
+ kostenlos und einfach umsetzbar

- Resultat kann verfälscht sein, da die Gruppe das Unternehmen bereits kennt
 

Facebook, LinkedIn, Reddit oder Slack Gruppen 

Bei Facebook, Linkedin, Reddit und Slack tauschen sich Gruppen zu vielen verschiedenen Themen aus – eine tolle Ressource, um Interessierte zu finden, die gerne Feedback zu Ideen und Prototypen geben.

+ kostenlos und offen für alle
+ viele verschiedene Zielgruppen

- es kann Zeit brauchen, bis die richtige Zielgruppe gefunden ist
- der Beitritt zu gewissen Gruppen wir nicht immer erlaubt
 

Online Anbieter oder spezialisierte Agenturen

Einige Websites (z.B. UserTesting oder die Schweizer Anbieter testingtime und testingday) bieten User Testing als kostenpflichtigen Service an. Die Preise variieren je nach Personentyp und Anbieter zwischen ca. 15-100 CHF pro Testkunde.

Ebenso bieten verschiedene Agenturen die Möglichkeit geeignete Testkunden zu akquirieren, z.B. Nielsen Norman Group oder die Schweizer Anbieter LINK und INNOFACT.

+ schnelle Akquise von Testpersonen
+ auch bei speziellen Nischengruppen gute Hilfestellung

- vergleichsweise teuer
 

Fazit: Testpersonen für die Nutzerbefragung finden

Die Auswahl der Testpersonen sollte genauso wichtig priorisiert werden wie die Definition der Befragungsmethoden oder die Ausarbeitung der Fragestellungen.

Dabei ist besonders darauf zu achten, die richtigen Zielpersonen abzugrenzen, zu finden und zu motivieren. Mit den hier vorgestellten Methoden steht der strategischen Kunden- und Nutzerbefragung als Grundlage für erfolgreiche Produktentwicklung nichts mehr im Wege.

Wir hoffen, dass die Anleitung mehr Unternehmen dazu ermutigt, systematische Nutzertests durchzuführen.

Bei Fragen kommen Sie gerne auf uns zu: Mareile Eckart, m.eckart(at)mm1.com

Dieser Beitrag ist der dritte Teil unserer Serie nutzerorientierte Produktentwicklung, in der wir unseren ganzheitlichen Ansatz in Form von informativen Blogbeiträgen teilen. Neue Beiträge zum Thema sharen wir jeden Dienstag auf unserem LinkedIn-Kanal.

Teil 1: User-First - das neue WIN-WIN der Produktentwicklung -> Warum nutzerorientierte Produktentwicklung ein Muss für erfolgreiche Unternehmen ist

Teil 2: Den Kundenbedürfnissen auf den Grund gehen -> Wie die wahren Bedürfnisse des Kunden gefunden werden